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Das Leben in Paraguay

Leben in ParaguayIch habe lange überlegt, wie ich diesen Beitrag beginnen soll. Es gibt vielerlei Ausgangspositionen um über das Leben in Paraguay zu schreiben, doch stellt sich zu allererst die Frage welches Leben man selbst leben möchte, ohne es bereits vorher mit einem bestimmten Ort zu verknüpfen. Und genau dieses Thema hat mich die letzten Jahre sehr beschäftigt, die Frage nach dem Leben das ich leben will. Die Antwort ist mittlerweile klar und aus diesem Grunde wundert es mich nicht, daß Paraguay eine besondere Anziehungskraft auf mich ausübt. Doch wie bin ich dort hingekommen, wie hat sich das alles entwickelt?

Mein vorheriges Leben verlief typisch systemgetreu. Arbeiten, was geht um Geld zu verdienen so viel wie geht um damit so viel Dinge zu kaufen wie geht für Sachen, die man nicht braucht. Ja, so oder so ähnlich muss es wohl gelaufen sein. Es ging immer mal wieder hoch und runter, mal besser, mal weniger gut. Insgesamt gesehen ging es mir jedenfalls -rein materiell gesehen- immer sehr gut. Es fehlte nie an etwas, meistens war alles im Überfluß vorhanden, selbst das Klagen auf hohem Niveau. Und zwischenzeitliche Durststrecken waren sowieso immer die anderen Schuld... Irgendwann jedoch, als ich mich wieder an einem materiellen Hoch befand, eigentlich das beste was ich bis dahin hatte, traf mich das Schicksal besonders hart und ließ mich im freien Fall in ein Tief fallen, daß mir regelrecht den Boden unter den Füßen wegzog. Innerhalb kürzester Zeit blieb mir von dem bis dahin vorhandenen und geplanten Leben in Wohlstand nichts mehr übrig und ich saß nur noch mit dem Allernotwendigsten da. Keine Kundschaft mehr, Haus und Grundstück weg, da beides zwangsversteigert wurde, Auto weg, da ich es mir nicht mehr leisten konnte, Fahrrad weg -gestohlen, Tablet weg -gestohlen und der Führerschein dufte dann auch noch für vier Wochen Urlaub machen, da ich ein paar mal etwas flott unterwegs war.

Das alles ereignete sich in den Jahren 2012 und 2013 und dann saß ich da, wie ein Häufchen Elend und tat zunächst das, was ich immer tat, wenn es mal wieder beschissen lief. Jammern und Klagen, die Schuldigen zu finden und mich darüber aufzuregen, was das wieder alles soll und so zu tun, als würde ich die Welt nicht mehr verstehen. Nun ja, bis dahin verstand ich es ja auch wirklich nicht. Dies ist nur die Kurzvariante, vielleicht beschreibe ich das Erlebte zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher und gehe mehr ins Detail.

Kurz um, durch die oben genannten "schrecklichen" Ereignisse wurde ein Prozess in meinem Leben eingeleitet, der dazu führen sollte, daß sich mein Leben grundelgend ändern würde. Nur wußte ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bereits 10 Jahre und 15 Jahre vorher hatten mich ähnliche Ereignisse getroffen. Zu diesen Zeitpunkten jedoch war es für mich selbstverständlich, aufstehen, den Staub von den Ärmeln abklopfen und wieder reinhauen, vorwärts, malochen, weitermachen und zusehen das man wieder hoch kommt.

Doch dieses mal war alles anders. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, daß es wohl so schien, daß ich offener war, reif genug um die Zeichen zu erkennen, wenn auch unbewußt. Heute bin ich dankbar für das, was geschehen ist, denn es legte den Grundstein für ein neues Leben. Ich wollte nicht mehr weitermachen wie bisher, mein Leben als Arbeitssklave in einem System vergeuden, daß nicht der Menschheit, sondern nur dem Materialismus dient. Also wurde es Zeit mal nachzudenken, wie es möglich ist diesmal alles anders zu machen. Das gute war, ich war am Boden, schlimmer konnte es also nicht mehr werden und vor allem, ich war gesund! Also was konnte schon passieren? Nur habe ich ich das zu dieser Zeit noch nicht so locker sehen können. Mein schönes Zuhause im Wald hatte ich vorher auch noch nicht wirklich wertschätzen können und hatte keine Ahnung auf welchem Schatz ich die ganze Zeit, seit ich dort lebte schon gesessen habe. So entdeckte ich, vor allem auch dank meiner damaligen Partnerin das Gärtnern für mich.

Nach den ersten Gehversuchen mit ein paar Radieschen und etwas Pflücksalat, entwickelte sich der Garten innerhalb kürzester Zeit in ein reichhaltiges Paradies mit einem Nahrungsangebot, in dem alles vorhanden war was man zum leben braucht. Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, verschiedene Salate, Kürbissorten, Zucchini, Karotten, Bohnen, Erbsen, Tomaten, Kohlrabi, Fenchel, Rotkohl, Rote Beete, Mangold, Grünkohl, Spinat, Rettich und verschiedene Kräuter. Leben in Paraguay 01Und natürlich haben wir auch ein Beet mit Blumen für Bienen und Insekten angelegt. So wuchs aus dem Nichts nach und nach ein kleiner Garten für die Selbstversorgung, nur reinste naturbelassene Qualität, ohne irgendwelche Chemie oder sonstigem künstlichen Kram. Gedüngt wurde mit Stroh, Pferdemist, Kompost, im ersten Jahr von der Kompostierungsanlage, danach vom eigenen Komposthaufen und selbst angesetzter Jauche aus Brennesseln. Auch das Saatgut stammte aus Quellen wie z.B. Demeter und privaten Saatgutzüchtern und später zusätzlich aus eigenem Anbau. Ein neues Hobby war geboren und dazu eines, daß nicht nur die Gesundheit fördert, sondern auch noch den Geldbeutel schont. Solche EIgenschaften eines Hobbies waren mir bis dahin unbekannt, eher war das genaue Gegenteil der Fall. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als wir zum ersten mal eine pflanzlich-vollwertige Mahlzeit aus dem eigenen Garten auf dem Teller hatten. Welch ein Fest, die Früchte der eigenen Arbeit vor sich zu haben und davon zu leben. Apropos Arbeit. Die Arbeit im Garten ist zwar teils anstrengend, allerdings sehe ich das nicht als Arbeit im Sinne von Maloche oder Schufterei, sondern als sinn- und wertvolle Tätigkeit die mit der Natur verbindet und mich erdet. Es hat sogar eine beruhigende Wirkung, man kommt auf andere Gedanken und heilt das Chaos im Kopf.

Leben in ParaguayMit der Zeit entwickelte sich so für mich ein Leben, das immer näher an der Natur stattfand. Es war nicht nur der Garten, auch die Wohnsituation, bzw. das Verhalten, der Umgang mit Ressourcen änderten sich. Mein Bewusstsein und meine Wertschätzung für das, was uns von der Erde zur Verfügung gestellt wird erwachte, und ich sah das Vorhandensein der natürlichen Ressourcen nicht mehr als selbstverständlich an, sondern begann mich für jeden Tag, den die Schöpfung und Mutter Erde mir schenkte, zu bedanken. Das hatte zur Folge, daß mein bisheriges Leben, ein Leben auf der Überholspur, bestehend aus Business, Autos, immer wieder neuer Technik, Konsumterror, Fernsehen, etc. immer weiter in den Hintergrund geriet. Ich begann viele Dinge zu hinterfragen, die ich bis dahin als "normal" ansah, z.B. das Geldsystem, Banken, Versicherungen, die politische Entwicklung in Deutschland und Europa in den letzten 100 Jahren, usw. Welche Abgründe sich da zeigten, mochte ich bis dato nicht auch nur im Entferntesten in Erwägung ziehen. Die Konsequenz daraus war, daß ich erkannte daß das sogenannte strukturierte Leben in Deutschland nichts anderes als ein großzügiger Käfig war, in dem man das zu tun und zu lassen hatte, was irgendwelchen selbsternannten Herrschenden genehm erschien. Doch ich strebte ein Leben in Freiheit und Selbstverantwortung an und das ist in Deutschland einfach nicht mehr möglich. Die einzige Selbstverantwortung die man noch hat, ist seinen Job gefälligst anständig zu machen, damit man brav dem Ausbeutungs- und Konsumterror dienen kann. Unter Selbstverantwortung verstehe ich jedoch etwas anderes, für mich bedeutet das vor allem bewusster zu leben, einen bewussten Umgang und Achtung mit und vor der Natur und allen Lebewesen.